Verfasst von: oxypelagius | 7. Juli 2017

Selbst sucht Selbstsucht

Der Schreiber überlegt sich gerade was selbstsüchtig ist. Da das hier ohnehin kaum jemand liest, ist es mehr ein Festhalten der immer weniger speicherbaren Gedanken. Eine sehr freundliche, spannende, hochintelligente, wortgewaltige Brieffreundschaft, attraktiv noch dazu , befeuert einen äusserst erhellenden freundlichen Dialog, nein Diascript. Es geht auch und vor allem um das ewige Thema der Geschlechter untereinander, natürlich sind damit nicht Dynastien gemeint. Für Ihn ist diese Auseinandersetzung wie das Reiben des Hirsches mit dem blutigem Bast am Geäst. Das muss ab, das Geweih nur so in voller Pracht wachsen kann. Das Geweih, das Ego? Wird eh nach der Brunft wieder abgeworfen. Blöder Vergleich. Nein, Sie ist eine Virtuose der Philosophie, der Lehre vom guten Leben. Sie werden sich im echten Leben mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nie begegnen, doch trifft sie den Schreiber permanent im Innersten. Weil sie genauso tickt wie er, nur anders. Er saugt ihre Worte ins Hirn, stiehlt ihre Redenwendungen. Es muss ihr einfach gut gehen, damit sie sich nicht abwendet und verstummt. Ist das des Schreibers Selbstsucht? Die Kuh wird gut behandelt, damit sie ja immer reichlich Milch gibt. Nein, da ist noch was anderes. Nur was? Sie füllt eine Lücke im sprachlosen Alltag des Widersprechens aus Gemecker und Dummheit. Nicht ums Verrecken Zustimmung, auch wenn die Fakten unleugbar. Es macht so müde.

Verfasst von: oxypelagius | 10. Februar 2017

Wer bin ich?

Hinterfragen ohne Antworten zu wollen. Wann verändert eine Antwort den Fragenden? Oder wird der Fragende verändert, wenn er keine Antworten erhält? Oder sindes nur die Fragen, die den Fragenden verändern? Besteht das Leben überhaupt nur aus Fragen? Wenn die Partnerin alles tut, damit es dem Pensionär richtig gut geht, eine Geborgenheit schafft die den Übergang erleichtern soll, aber der Pensionär das alles gar nicht will. Ist es dann eine Kränkung? Diese permanente Unsicherheit, diese Unruhe. Lähmung einerseits, Aufbruch andererseits. Alles dreht sich im Kreis. Die Flucht in den Schlaf wird mit Albträumen bestraft, bestraft mit einem Aufwachen, welches wieder in den Schlaft treibt. Und so weiter. Lebensmüdigkeit im genauen Sinn des Wortes. Was soll das alles? Was soll was alles? Ruhe geben!

Verfasst von: oxypelagius | 1. Februar 2017

Finalabschnitt

Nun ist es also so weit. Der Punkt den jeder Werktätige fokussiert. Je näher je häufiger. Der Schreiber ist im Vorruhestand seit heute dem 01.02.2o17. Unrühmlich aus der Firma geekelt vier Jahre vor dem 65 ten. Seine Freiheit wird „nur“ noch begrenzt durch das Auftreten von Krankheit und Mangel an Geld. Welch ein Gefühl! Nicht mal ein ausgesprochen schlechtes, nein merkwürdiges. Fremd. Er wird dünnhäutiger, noch dünnhäutiger. Immer wenn die Gemahlin was “ von alten Säcken“ schimpft ist er betroffen, natürlich nicht gemeint. Was kommt nun? Es nützt ja nichts, man könnte aus Angst vorm Ende Selbstmord begehen. Schlimm nur, daß man dann dir Richtigkeit seiner Entscheidung nicht mehr überprüfen kann. Also erstmal durchatmen und sehen was kommt. Altern ist nichts für Feiglinge, auf geht´s!

Verfasst von: oxypelagius | 20. Januar 2017

Der Wille zum Töten

Der Schreiber sitzt an der Champagner-Bar eines der großen Kaufhäuser Frankfurts. Es ist Feierabend, alleine mit einer Käseplatte und einem Glas südafrikanischen Shiraz kommt er runter. Schräg gegenüber sitzen drei sehr gut aussehende und geschmackvoll gekleidete junge Damen, Mitte Zwanzig geschätzt. Jede von ihnen mit einem Glas Champagner vor sich. Eine von ihnen, beileibe kein Hungerhaken, aber auch nicht ausgesprochen koprulent, scheint die Wortführerin zu sein. Das soziale Gefälle zwischen ihr und den beiden ist schier greifbar, der Schmuck, die Uhr eindeutig echt. Das anbiedernde pflichtschuldigste Nicken nach jedem Satz der Grande Dame ist geradzu köstlich. Die Freundinnen ( oder ihre Angestellten?)  beiden hängen an ihren Lippen. “ Ich würde niemals einer Geiß ein gesundes Kitz wegschießen. Das wäre herzlos! Es war zu erkennen das kleine ist verkümmert, viel zu klein, das wird nichts. Das muss rausgenommen werden.“ Die Zuhörerinnen nicken untertänig fasziniert. “ Mein Ausbildungsjäger sagte dann toller Schuß. Klasse Jagdschule.“ Dem Schreiber läuft es kalt den Rücken runter. Dieses Engelsgesicht mit Busen spielt Mitgefühl. Wie mag es in so einem Mädchen vorgehen, welches derartigen Müll absondert? Anerkennung? Geltungssucht? Führungsanspruch? Ist es wirklich Tötungswillen aus Lust?  Glaub ich nicht. Bei Männern ja, bei Frauen – ne..“ Ich habe dann das Tier aufgebrochen und meinem Ausbilder, dem Revierjagdmeister, nochmals alle Organe zeigen können. Er war beeindruckt.“-“ Iiih könnte ich nicht“ flüstert fast eine der Bewunderinnen. “ Achwas! Gewöhnste Dich dran..“ Dieses Weib hat dem Schreiber irgendwie den Abend versaut. War das schon im Keim die Banalität des Bösen?

Verfasst von: oxypelagius | 17. Januar 2017

Genealogie und Existenzialismus

Es gibt so gut wie keine Lächeln auf den alten Schinken der großen Museen. Warum auch, die meistern der Abgebildeten hatten bei ihren Portraitsitzungen längst keine Zähne mehr oder sehr schlechte. Heutzutage ist die berühmte „CHeeeeese“_Aufforderung der Fotografen vor dem Drücken des Auslöseknopfes Bestandteil des Knipsens. Man zeigt gesunde Zähne. Wir sind jung, auch ins hohe Alter. “ Nichts ums Verrecken sterben!“ ist die Devise des modernen Menschen des begonnen dritten Jahrtausends. Es sind Zweifel angebracht, ob das lange Leben auch mit Lebensqualität angefüllt. Masse statt Klasse hat den Menschen in seiner Existenz selbst erfasst. Masse statt Klasse in Nahrung, Dienstleistung, Information, Freizeitgestaltung. Die Evolution hat uns allen mehr Lebenszeit geschenkt und schenkt uns immer mehr. Irgend ein kluger Statistiker hat errechnet, daß die Bewohner der 29 OECD-Staaten täglich um vier Stunden älter werden. Wir bekommen mehr Leben und verschwenden es für schlechtes Leben. Wie viele Stunden unseres Lebens hocken wir gelangweilt vor der Glotze, stehen im Stau oder Essen ohne zu schmecken. Der Schreiber erlebte vor Wochen mit einer Reisegruppe einen zum Hinknien schönen rührungstränentreibenden Sonnenuntergang in der Wüste. Die meisten Begleiter der Gruppe machten Selfies, knipsten was das Gerät hergab und merkten gar nicht was um sie herum geschah. Darf man sich darüber mokieren? Nö. Sollen sie doch. Sie werden dann schon ( nicht) sehen, wenn sie sich in Jahrzehnten nicht mehr daran erinnern.

Verfasst von: oxypelagius | 9. Januar 2017

Ehrenamt

Der Schreiber mag dieses Wort nicht. “ Ehre nennen es die Generäle, wenn ihnen nichts mehr einfällt.“ sagt Kurt Tucholsky treffend. Wie es sonst nennen, was so wichtig und notwendiger denn je? Funktionär? Der Begriff ist verbrannt, klingt nach erbarmungslosen nepotistischen Apparatschik. Wie wäre es mit Verantworter und Verantworterin?  Fragen der Mitglieder mit Antworten beliefern. Reicht aber nicht. Auch Entscheidungen  sind zu treffen, Aufgaben zu koordinieren. Strategisches und operatives Handeln erhalten und fördern den Mikrostaat Verein. Es ist ein Managmentjob ohne Entgeld, oft mit misstraurisch beäugter Aufwandsentschädigung. Betrachten wir doch mal all diese Funktionen ( ja, Funktionär wäre gar nicht schlecht) in der Wirkungsweise eines Sportvereines, hilfsweise hier eines Segelflieger Clubs. Ein Segelflieger Club ist eine Vereinigung von Menschen, welche eine mehr oder minder ausgeprägte Leidenschaft für den Segelflug vereint. Vor dem Vergnügen kommt die Arbeit, der Aufwand, müssen die Bedingungen erfüllt sein. Gerät muss beschafft, gewartet und verstaut werden. Die Mitglieder müssen informiert, Beiträge beigetrieben,  Aufwändungen geleistet werden. Etc. Etc. Das erfolgt zu aller Erschwernis auch noch in sanktionsfreiem Raum. Sicher, wenn jedes einzelne Mitglied für die Sache brennt ist es leichter. “ Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich unter ihnen!“ funktioniert jedoch nicht mal im Christentum. Lediglich eine Vereinssatzung beschränkt und beschreibt die Bedinungen für eine Mitgliedschaft, alles andere muss geduldet werden. Der elende Typ Beckmesser, der alles kritisiert, aber sobald er, sie, um Vorschläge oder die Übernahme von Aufgaben gebeten wird den Schwanz einzieht. Der Konsument: Ich zahle meine Beiträge und erhalte dafür Leistungen, stimmt das Verhältnis zwischen Preis und Leistung nicht mehr, trete ich aus. Verändern will ich nur, wenn ich was bekomme dafür. Diese Sportsfreunde werden stante pede Kunden bei kommerziellen Anbietern, ist es  auch nur einen cent billiger. Am schlimmsten ist die Mischung aus beiden. Mit Igel in den Hosentaschen permanent fordern und maulen, aber nichts dazu beitragen.

Laß uns  aber noch mehr subsummieren: Gutes Leben unter Menschen die gut leben, geht nur zusammen. Glück, abgesehen davon ausschliesslich in der Vergangenheit, wird  tiefer spürbar in Gemeinschaft. Der Glücksmoment selbst und unmittelbar wird nie bewusst erlebt. Wenn ich mein Glück backe, (nicht packe) spüre ich das in diesem Moment nicht. Die Konzentration Schönes zu tun und zu schaffen blendet das Ich aus. Das eigentliche Glück, die Lust bricht sich Bahn, wenn der Augenblick die Ursache desselben gerade vorbei ist. Das kann ein Wimpernschlag sein. Das Vario jault auf, Du fängst hochkonzentriert das warme Heben ein, und steigst und steigst. Erst wenn für einen winzigen Augenblick wenn sich der erste von vielen (Teil-)Erfolgen sich einstellt, kübeln wir Endorphine. Adrenalin schafft Endorphine. Die Basis ist erreicht. War ( ist) das schön! Das will ich wieder erleben. Ganz am Anfang dessen steht der Entschluß, vulgo das Ehrenamt. Liest sich komisch, ist aber so. Irgendjemand hat irgendwann mal den Entschluss gefasst diesen Verein oder jenen zu gründen, um lange Jahre Lebensqulität, in unserem Leben – zufälligerweise durch den Segelflug – zu ermöglichen. Weil er oder sie merkte, selbst wenn noch so viel Privatkohle da ist, indes alleine kann man nicht küssen. Natürlich gibt es technische Starthilfen, natürlich gibt es Gewerbliches. Unsere Klapptriebwerker mögen zwar in aller Herrgottsfrühe alleine losknattern, aber richtig happy sind sie erst, wenn sie abends nach Hause in den Stall reiten.  Wenn Gleiche sich auf Augenhöhe Freude und Erfolge mitteilen und feieren, Misserfolge gemeinsam bedauern ist es schön.  Ist es erhaltenswert werden sich über Generationen Nachfahren finden die es fortsetzen, sozusagen den weiteren Flow ermöglichen. Wenn die Kette abreißt geht alles verloren.

Verfasst von: oxypelagius | 6. Januar 2017

Wiederbelebungsversuch

Es ist nun Jahre her – ziemlich genau vier -, daß ich den letzten Blog schrieb. Es ist Zeit und tut gut wieder damit zu beginnen. Nicht daß es für irgendjemanden da draussen im Besonderen wäre, nein es sei eine moderne Form des Tagebuches. Es trainiert mein Hirn, meine Eloquenz, meine Fähigkeiten mich auszudrücken. Keinerlei Rechenschaft über die Güte dessen, ausser an mich selbst. Und wer weiß, vielleicht ist der eine oder andere meiner Handvoll Leser noch da draußen, erstaunt, vielleicht sogar erfreut.

Verfasst von: oxypelagius | 9. Dezember 2012

Zungenbiß

Der Schreiber beißt sich auf die Zunge. Edelstes Ambiente, festliche Tafel, sein Arbeitgeber hat die besten Kunden zu einem Jahresendempfang geladen. Ein halbes Dutzend Zehnpersonenrundtische sind Bankett und Forum zugleich. Man parliert höflich, subtil akquisitorisch hohl. “ Das lief ja sehr gut mit uns dieses Jahr, wir könnten aber…. Noch einen Schluck Roten? Herr Ober, hier fehlt noch Mineralwasser!….Ja die Merkel steht ihren Mann… “ Das exzellenteste Essen bleibt unbemerkt, nicht in Erinnerung, hat man sich auf sein Gegenüber und/oder Nebenmann zu konzentrieren. Würden nur Nudeln mit Tomatensoße mit Plüsch und Pomp serviert, keine Sau würde es merken. Schreibers Wunsch ein kaltes Bier statt eines „Appellation du Parvenue Grand Cru du balla balla“ wird als exaltiert originell goutiert. Er will nicht mehr reden, kann nicht fünf Leuten gleichzeitig zuhören, dabei höflich bleiben, will nur noch aufessen. Da straft ihn sein, offensichtlich kommerziell zweckgebunden vereinnahmter Körper: Er beißt sich so heftig auf die Zunge, daß der Schmerz das schier das Kiefergelenk auszukugeln droht. Metallener Geschmack von Blut überdeckt das zerkaute Essen. Schnell spült er mit Wasser nach. Die verbleibende Stunde versinkt er immer mehr unbeteiligt in sich. “ Kommst Du noch mit in die Hotelbar auf einen Absacker?“ fragt die Kollegin “ Ich muss Dich mit Dr. Schlaumeier bekannt machen.“ – “ Nein, ich will nach Hause!“ Die Pute wendet sich sichtlich konsterniert ab. Zwei gute Kunden, fast Freunde, überreden ihn doch noch zu einem Ouzo bei einem bodenständigen Griechen. Eine halbe Stunde später sitzt der Trinker, resp. Schreiber, im Taxi nach Hause. Der folgende Tag fesselt ihn erlösend, schwer depressiv, mit Fieber, Kopfschmerz und geschwollener
Zunge ins Bett. Irgendwie hat sein Körper ihm signalisiert: “ Hör auf! Halte die Fresse!“ Wie so beißt man sich sonst auf die Zunge?

Verfasst von: oxypelagius | 3. November 2012

Seelenpein durch Erkenntnis

Der Schreiber staunt. Schreiber bewundert einen Kollegen um seine innere Ausgeglichenheit und um die Ruhe und Zufriedenheit die dieser ausstrahlt. Der Anfangvierziger, Vater von zwei kleinen ein- und zweijährigen Töchtern hat seiner Familie höchste Priorität verliehen, was sich durchaus auch an geplatzen und verschobenen Geschäftterminen bemißt. Und er ist tief religiös. Seine Konfession ist die russisch orthodoxe Kirche. Nicht daß er missioniert, nur eine kleine in Silber gefaßte Ikone der Mutter Gottes steht unter dem Bildschirm am Arbeitsplatz und aufmerksame Beobachter sehen an und ab wie er sich nach einem – vermutlich privaten – Telefonat unauffällig bekreuzigt. Irgendwann kommt es zwischen ihm und unserem Schreiber unter vier Augen zum Gespräch in dessen Verlauf Schreiber ihm seinen Lebensentwurf als Atheist und Humanist erklärt und ihm empfiehlt “ Jenseits von Gut und Böse“ von Michael Schmidt Salomon zu lesen. Freundlich nickend nimmt er das Geschenk gerne an und wenige Tage später liegt das Amazon-Paket auf seinem Schreibtisch. Monate später hat sich Schreibers Abteilung zu einer dienstlichen Klausurtagung, neudeutsch off-site-meeting, für ein ganzes Wochenende in einem schicken Resort an der Müritz getroffen. Während einer längeren Pause spaziert er mit seinem Orthodoxen schweigsam durch Park und Oktobersonne. Schreiber fragt ihn beiläufig, wie der denn das empfohlene Buch gefunden habe? Er blieb stehen, sah ihn ernst an und sprach leise und ruhig: „Gut, daß Du das von Dir aus ansprichst. Ich habe das Buch aufmerksam studiert und eine Bitte an Dich: Bitte spreche dieses Thema nicht mehr an. Der Inhalt dieses Buches hat mich so gestresst, daß ich befürchtet habe meinen Seelenfrieden zu verlieren. Ich will davon nichts mehr wissen, lasse mich nicht mehr in Versuchung bringen. Versprichst Du mir das?“ -“ Ja selbst verständlich!“ Mehr brachte der Schreiber erschrocken nicht hervor. Schweigsam gingen die beiden zurück zum Seminarraum.

Verfasst von: oxypelagius | 28. Oktober 2012

Vorwärts und Rückwärts und Fiktion und Realität

Der Schreiber schreibt.
Wir schreiben das Jahr 2036 und gestern feierte ich meinen 80zigsten Geburtstag. Mir geht es richtig gut. Keine wesentlichen Zipperlein, die Haare sind weg, die Fluglizenzen auch, meine vier Kinder sind großartige Menschen geworden. Meine beiden Lebensgefährtinnen sind mir noch immer liebevoll zugetan. Meine größte Sorge, dass die beiden sich hassen, auf immer hassen würden, hat sich nach wenigen Jahren als unbegründet erwiesen. Sie entdecken einander und schätzen sich gegenseitig. Sie umarmen sich in ehrlicher Freundschaft. Meine Lucy  ist mit 65 in den wohlverdienten Unruhestand getreten. Sie kümmert sich nur noch um die Hunde, die Kinder, mich und sich selbst, in dieser Reihenfolge. Sie ist noch immer das zauberhafteste Geschöpf das ein Mann sich vorstellen kann. Meine erste Frau und langjährige Gefährtin ist Mitglied 76Jahren noch immer Mitglied des NOK und erblüht in dieser Aufgabe ich schönster Seniorität. Diese Frau ist ein langes Leben meine Schutzengel.  Wir alle treffen uns so oft wie möglich, entweder in unserem Haus hier am Starnberger See oder in unserem Sommerhaus auf Bornholm. Ich bin stolz darauf der heimliche Clan-Chef eines so tollen Haufens zu sein. Mein Sohn Dominik hat gestern den Georg Büchner Preis des Deutschen Buchhandels und vor einem Jahr den Karlspreis der Stadt Aachen erhalten. Tränen der Rührung waren mein Lohn. Wie gerne hätte ich vom Schreiben gelebt.
Meine drei weiteren Kinder, Jakob, Judith und Lena haben 24, 26 und 28 Jahre haben meine Leidenschaft für das Fliegen geerbt. Sie haben alle drei ein exzellentes Jurastudium abgeschlossen. Sie unterhalten eine renommierte Kanzlei für internationales Handelsrecht. Ihre Expertisen und Vertragsentwürfe für den Deutsch-Chinesischen Handel sind zum internationalen Standard geworden. Meine drei Musketiere sind bescheiden geblieben, leisten sich trotz ihres erklecklichen Wohlstandes nur das Sammeln von alten Flugzeugen, erweitern die Sammlung, welche ihr Vater mit einem Flugzeug vor 30 Jahren begonnen hat. Und sie fliegen sie alle. Dominik nennt seine Stiefgeschwister noch immer “ meine Küken“.
Aber mein Glück ist noch nicht vollkommen: Ich habe noch keine Enkel. Doch auch das hat für mich einen Sinn. Ich habe verstanden, dass die Evolution Glück als Dauerzustand für uns Menschen nicht vorgesehen hat. Wir müssen uns Wünsche bewahren. Ich will nach meinem ersten Enkel in Ruhe einschlafen und nie wieder aufwachen. Dann schließt sich der Kreis, welcher vor 80 Jahren so schlimm begonnen hat:
Ein wunderschöne, doch ebenso naive Dorfschönheit Ostbayern staunte Bauklötze, als sie einem prominenten Österreicher plötzliche bei einem Dorffest gegenüber stand. Die Groschenromane, welche sie verschlang, schienen wahr zu werden. Der Beau hatte alles wovon der Nachkriegsspießer träumte. Ein Auto, elegante Kleidung, Charme, Bildung und vor allem Geld Geld. Diese Dame, wie kann es anders sein, meine Mutter, schmolz dahin und lag bald nicht nur in seinen Armen, sondern auch in seinem Bett. Diese erzprüde Zeit muss für die jungen Leute fürchterlich gewesen sein. Meine Mutter war mit 30 noch nicht richtig aufgeklärt, wie sie mir selbst zornig gestand. Bei ihrem ersten Höhepunkt meinte sie, sie bekäme einen Herzinfarkt. Und bei ihrer ersten Geburt, welche sie sitzen gelassen und vom katholischen Pöbel verspottet, erlebte meinte sie das Kind, also ich,  würde sie sprengen und töten. Ich wurde geboren. Meine Mutter versuchte verzweifelt den Vater in Österreich zu erreichen um ihm die tolle wunderschöne Nachricht zu übermitteln. Sie konnte ihn tatsächlich ausfindig machen. Er besuchte sie wieder, leugnete die Vaterschaft und schwängerte sie erneut! Meine Schwester ist zwei Jahre jünger. Danach begannen für meine Mutter Höllenjahre. Mein Erzeuger war längst verheiratet und gab alle möglichen Männer unseres 600-Seelen-Dorfes als potentielle Väter an. Diese mussten in der Vor-Gentest-Zeit alle die 250 Km nach München reisen um einen konventionellen Vaterschaftstest zu machen. Meinem Vater wurde zu 96%-Wahrscheinlichkeit bewiesen, dass er unser Vater ist. Auf die restlichen 4% zog er sich zurück bis zu seinem Tod 1986. Österreich war nicht in der EG und Strafverfolgung in Vaterschaftsangelegenheiten gab es nicht. Wir lebten bitterarm, aber in Geborgenheit und Affenliebe unserer Mutter auf. Mit einem Jahr bekam ich schwer Asthma, war öfter dem Tode nah. Doch ich schaffte es. Wir schafften es. Man entdeckte meine Hochbegabung und ich lernte schon vor der Schulzeit lesen. Dies war auch leicht, lag ich doch fast jeden Winter von November bis März im Krankenhaus mit Kanülen in den Bronchien.
Was viel wichtiger war, ich entwickelte einen geradezu fanatischen Hass auf diese Gesellschaft einerseits, andererseits die naive Geltungssucht gespeist aus nahe liegenden Minderwertigkeitskomplexen. War ich doch in diesem Idyll erklärtermaßen minderwertig.  Man verbot mir, dem Kind der Sünde, mit anderen Kindern zu spielen. Es blieben mir sehr wenige Freunde. Meine Mutter war “ das Luder mit den zwei (!!) unehelichen Kindern“. Die braven Frauen waren stinksauer, waren doch alle ihre Gatten unter Generalverdacht und wo Rauch ist, ist bekanntlich auch Feuer. Außerdem versuchte tatsächlich schon mal der eine oder anders Suffkopf bei meiner Mutter sich am Kammerfenster. Die Frau war traurig, bitter arm, und einsam. Möglicherweise wurde sie auch mal schwach, doch prostituiert hat sie sich mit Sicherheit nie. Da würde sie sich Sünden fürchten, wie sie es ausdrückte.Ich jedenfalls, lehnte alles bürgerlich toootal ab. Schulpflicht diente ausschließlich der Wissensvermittlung. Gut! Bon! Die Zeugnisse wurden zerrissen. Abitur? Scheiss drauf! Drangsal der Bourgeoisie! Lernen. Debattieren .. Studieren,.. ja. aber immer nur um Wissen aufzusaugen. Wissen. Wie geht das? Wieso geht das? Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Gibt es ein Recht auf Gerechtigkeit….

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