Verfasst von: oxypelagius | 28. Oktober 2012

Vorwärts und Rückwärts und Fiktion und Realität

Der Schreiber schreibt.
Wir schreiben das Jahr 2036 und gestern feierte ich meinen 80zigsten Geburtstag. Mir geht es richtig gut. Keine wesentlichen Zipperlein, die Haare sind weg, die Fluglizenzen auch, meine vier Kinder sind großartige Menschen geworden. Meine beiden Lebensgefährtinnen sind mir noch immer liebevoll zugetan. Meine größte Sorge, dass die beiden sich hassen, auf immer hassen würden, hat sich nach wenigen Jahren als unbegründet erwiesen. Sie entdecken einander und schätzen sich gegenseitig. Sie umarmen sich in ehrlicher Freundschaft. Meine Lucy  ist mit 65 in den wohlverdienten Unruhestand getreten. Sie kümmert sich nur noch um die Hunde, die Kinder, mich und sich selbst, in dieser Reihenfolge. Sie ist noch immer das zauberhafteste Geschöpf das ein Mann sich vorstellen kann. Meine erste Frau und langjährige Gefährtin ist Mitglied 76Jahren noch immer Mitglied des NOK und erblüht in dieser Aufgabe ich schönster Seniorität. Diese Frau ist ein langes Leben meine Schutzengel.  Wir alle treffen uns so oft wie möglich, entweder in unserem Haus hier am Starnberger See oder in unserem Sommerhaus auf Bornholm. Ich bin stolz darauf der heimliche Clan-Chef eines so tollen Haufens zu sein. Mein Sohn Dominik hat gestern den Georg Büchner Preis des Deutschen Buchhandels und vor einem Jahr den Karlspreis der Stadt Aachen erhalten. Tränen der Rührung waren mein Lohn. Wie gerne hätte ich vom Schreiben gelebt.
Meine drei weiteren Kinder, Jakob, Judith und Lena haben 24, 26 und 28 Jahre haben meine Leidenschaft für das Fliegen geerbt. Sie haben alle drei ein exzellentes Jurastudium abgeschlossen. Sie unterhalten eine renommierte Kanzlei für internationales Handelsrecht. Ihre Expertisen und Vertragsentwürfe für den Deutsch-Chinesischen Handel sind zum internationalen Standard geworden. Meine drei Musketiere sind bescheiden geblieben, leisten sich trotz ihres erklecklichen Wohlstandes nur das Sammeln von alten Flugzeugen, erweitern die Sammlung, welche ihr Vater mit einem Flugzeug vor 30 Jahren begonnen hat. Und sie fliegen sie alle. Dominik nennt seine Stiefgeschwister noch immer “ meine Küken“.
Aber mein Glück ist noch nicht vollkommen: Ich habe noch keine Enkel. Doch auch das hat für mich einen Sinn. Ich habe verstanden, dass die Evolution Glück als Dauerzustand für uns Menschen nicht vorgesehen hat. Wir müssen uns Wünsche bewahren. Ich will nach meinem ersten Enkel in Ruhe einschlafen und nie wieder aufwachen. Dann schließt sich der Kreis, welcher vor 80 Jahren so schlimm begonnen hat:
Ein wunderschöne, doch ebenso naive Dorfschönheit Ostbayern staunte Bauklötze, als sie einem prominenten Österreicher plötzliche bei einem Dorffest gegenüber stand. Die Groschenromane, welche sie verschlang, schienen wahr zu werden. Der Beau hatte alles wovon der Nachkriegsspießer träumte. Ein Auto, elegante Kleidung, Charme, Bildung und vor allem Geld Geld. Diese Dame, wie kann es anders sein, meine Mutter, schmolz dahin und lag bald nicht nur in seinen Armen, sondern auch in seinem Bett. Diese erzprüde Zeit muss für die jungen Leute fürchterlich gewesen sein. Meine Mutter war mit 30 noch nicht richtig aufgeklärt, wie sie mir selbst zornig gestand. Bei ihrem ersten Höhepunkt meinte sie, sie bekäme einen Herzinfarkt. Und bei ihrer ersten Geburt, welche sie sitzen gelassen und vom katholischen Pöbel verspottet, erlebte meinte sie das Kind, also ich,  würde sie sprengen und töten. Ich wurde geboren. Meine Mutter versuchte verzweifelt den Vater in Österreich zu erreichen um ihm die tolle wunderschöne Nachricht zu übermitteln. Sie konnte ihn tatsächlich ausfindig machen. Er besuchte sie wieder, leugnete die Vaterschaft und schwängerte sie erneut! Meine Schwester ist zwei Jahre jünger. Danach begannen für meine Mutter Höllenjahre. Mein Erzeuger war längst verheiratet und gab alle möglichen Männer unseres 600-Seelen-Dorfes als potentielle Väter an. Diese mussten in der Vor-Gentest-Zeit alle die 250 Km nach München reisen um einen konventionellen Vaterschaftstest zu machen. Meinem Vater wurde zu 96%-Wahrscheinlichkeit bewiesen, dass er unser Vater ist. Auf die restlichen 4% zog er sich zurück bis zu seinem Tod 1986. Österreich war nicht in der EG und Strafverfolgung in Vaterschaftsangelegenheiten gab es nicht. Wir lebten bitterarm, aber in Geborgenheit und Affenliebe unserer Mutter auf. Mit einem Jahr bekam ich schwer Asthma, war öfter dem Tode nah. Doch ich schaffte es. Wir schafften es. Man entdeckte meine Hochbegabung und ich lernte schon vor der Schulzeit lesen. Dies war auch leicht, lag ich doch fast jeden Winter von November bis März im Krankenhaus mit Kanülen in den Bronchien.
Was viel wichtiger war, ich entwickelte einen geradezu fanatischen Hass auf diese Gesellschaft einerseits, andererseits die naive Geltungssucht gespeist aus nahe liegenden Minderwertigkeitskomplexen. War ich doch in diesem Idyll erklärtermaßen minderwertig.  Man verbot mir, dem Kind der Sünde, mit anderen Kindern zu spielen. Es blieben mir sehr wenige Freunde. Meine Mutter war “ das Luder mit den zwei (!!) unehelichen Kindern“. Die braven Frauen waren stinksauer, waren doch alle ihre Gatten unter Generalverdacht und wo Rauch ist, ist bekanntlich auch Feuer. Außerdem versuchte tatsächlich schon mal der eine oder anders Suffkopf bei meiner Mutter sich am Kammerfenster. Die Frau war traurig, bitter arm, und einsam. Möglicherweise wurde sie auch mal schwach, doch prostituiert hat sie sich mit Sicherheit nie. Da würde sie sich Sünden fürchten, wie sie es ausdrückte.Ich jedenfalls, lehnte alles bürgerlich toootal ab. Schulpflicht diente ausschließlich der Wissensvermittlung. Gut! Bon! Die Zeugnisse wurden zerrissen. Abitur? Scheiss drauf! Drangsal der Bourgeoisie! Lernen. Debattieren .. Studieren,.. ja. aber immer nur um Wissen aufzusaugen. Wissen. Wie geht das? Wieso geht das? Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Gibt es ein Recht auf Gerechtigkeit….

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