Verfasst von: oxypelagius | 3. November 2012

Seelenpein durch Erkenntnis

Der Schreiber staunt. Schreiber bewundert einen Kollegen um seine innere Ausgeglichenheit und um die Ruhe und Zufriedenheit die dieser ausstrahlt. Der Anfangvierziger, Vater von zwei kleinen ein- und zweijährigen Töchtern hat seiner Familie höchste Priorität verliehen, was sich durchaus auch an geplatzen und verschobenen Geschäftterminen bemißt. Und er ist tief religiös. Seine Konfession ist die russisch orthodoxe Kirche. Nicht daß er missioniert, nur eine kleine in Silber gefaßte Ikone der Mutter Gottes steht unter dem Bildschirm am Arbeitsplatz und aufmerksame Beobachter sehen an und ab wie er sich nach einem – vermutlich privaten – Telefonat unauffällig bekreuzigt. Irgendwann kommt es zwischen ihm und unserem Schreiber unter vier Augen zum Gespräch in dessen Verlauf Schreiber ihm seinen Lebensentwurf als Atheist und Humanist erklärt und ihm empfiehlt “ Jenseits von Gut und Böse“ von Michael Schmidt Salomon zu lesen. Freundlich nickend nimmt er das Geschenk gerne an und wenige Tage später liegt das Amazon-Paket auf seinem Schreibtisch. Monate später hat sich Schreibers Abteilung zu einer dienstlichen Klausurtagung, neudeutsch off-site-meeting, für ein ganzes Wochenende in einem schicken Resort an der Müritz getroffen. Während einer längeren Pause spaziert er mit seinem Orthodoxen schweigsam durch Park und Oktobersonne. Schreiber fragt ihn beiläufig, wie der denn das empfohlene Buch gefunden habe? Er blieb stehen, sah ihn ernst an und sprach leise und ruhig: „Gut, daß Du das von Dir aus ansprichst. Ich habe das Buch aufmerksam studiert und eine Bitte an Dich: Bitte spreche dieses Thema nicht mehr an. Der Inhalt dieses Buches hat mich so gestresst, daß ich befürchtet habe meinen Seelenfrieden zu verlieren. Ich will davon nichts mehr wissen, lasse mich nicht mehr in Versuchung bringen. Versprichst Du mir das?“ -“ Ja selbst verständlich!“ Mehr brachte der Schreiber erschrocken nicht hervor. Schweigsam gingen die beiden zurück zum Seminarraum.

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