Verfasst von: oxypelagius | 18. September 2012

Die Zeit des vertropfenden Sonnenlichts

BildDer Schreiber beginnt mehr zu verstehen.Es gibt kein gutes Leben im schlechten Leben. Dieser Satz wird Judith Butler zugeschrieben. Man kann es auch allgemeinverständlicher ausdrücken: Man kann es sich in der Hölle nicht bequem machen. Nun lebt der Schreiber keines Falles in der Hölle. Das wäre schreiendes Unrecht an den Menschen begangen, welchen es wirklich so richtig dreckig geht, gesundheitlich, wirtschaftlich, familiär, gar alles zusammen. Nein, die des öfteren erwähnte Geborgenheit lullt schon ein. Junior musste im Studium Einkommensaufstellungen im Gebiet Berlin-Brandenburg auswerten. Das verblüfft sogar seinen alten Vater: Deutlich über 90% der Bevölkerung muss mit einem verfügbaren – als nach Miete und Schuldendienst- Einkommen unter 1.000,-€ auskommen. Die Rechnung geht NICHT pro Kopf, sondern alle Einkommensbezieher! D.h. ein Alleinverdiener mit zwei Kindern zählt auch dazu ( die 250,-€ Kindergeld rausgerechnet). Und der Schreiber ärgert sich, weil er Schwierigkeiten hat die Anschaffung eines neuen Funkgerätes für sein Fliegerchen zu stemmen. Beschämende Luxussorgen allenthalben. Von seelischem Kummer ganz abgesehen: Er würde Lucy gerne wieder in den Armen halten…..Aber was soll das?

Verfasst von: oxypelagius | 9. Mai 2012

Lungenpfeifen

Der Schreiber pfeift. Dies muss er sich fast jedesmal anhören, wenn die Gemahlin neben ihm liegt. Was jetzt schnarchen oder pfeifen? „Wenn Du nicht schnarchst, rasselt und pfeifst Du aus sämtlichen Lungenflügel wie ein altes Dampfross, mindestens wie ein Kettenraucher!“ Der Schreiber raucht nicht, abgesehen von Schwipskippen ein zweimal im Jahr. Aber selbst das ist ab sofort Vergangenheit! Dazu gleich mehr. Er ist jedenfalls einverstanden sich in die Pneumologie der Grossstadtuniversität zu begeben. Als Privatpatient geht man nicht zum Arzt, nein man konsultiert eine Kapazität. Der Termin ist früh morgens gemacht. Der Herr Professor schüttelt, abgesehen vom akademischen Viertel, pünktlich die Hand des Deliquenten eee Patienten. Er hört sich die Beschwerden an und die Lunge ab, wie seit Hippokrates und Dr. Eisenbarth schon üblich. Ausatmen, nicht atmen, einatmen. Stirnrunzelnd über den Brillenrand blickend:“Da ist viel Lärm drin! Sie rauchen wirklich nicht?“ -“ Nein !“ Dann wird beratend ein diagnostischer Laufzettel ausgefüllt von dem der AOK Kunde wohl nur träumen darf. Röntgen, Herzsonar, Lungenfunktion, Blut, Allergie…. Es ist dafür gesorgt, daß Schreiber fast einen Tag seines Lebens in den lehrreichen Fluren des riesigen Heilkomplexes verbringt! Lehrreich, weil er sieht mit welcher unerbittlichen irreversiblen Grausamkeit Menschen selbst ihre Gesundheit zerstören. Fürchterliche Kanülenzombies schleichen aschfahl durch die Gänge trüben Blickes. Das Schlürfen der Pantoffel und das Zischen der Beatmungsgeräte am Gütel spielen das Lied vom Tod. Oft ist nicht einmal das Geschlecht dieser Wracks mehr zu erkennen. Hier ist gegenständliche Hoffnungslosigkeit zu erleben. Im gleichen Gebäude in dem der Herr Professor empfängt ist, Zufall oder nicht, die Palliativabteilung, das Hospoiz untergebracht.  Der Schreiber geht benommen nach Hause und hofft auf gute Labornachrichten die nächsten Tage, hofft wie er nie zuvor hoffte.

Verfasst von: oxypelagius | 4. Mai 2012

Panik & Dialektik

Der Schreiber hat echt einen an der Waffel! Da liegt er im ersten Haus am Platz in Hannover on seinem King Size Bett, hat nach vielen viele Jahren liebe – auch weniger liebe – in Ehren ergraute oder im Grauen entehrte Freundinnen und Freunde wieder getroffen, sich wie Bolle bei vorzüglich Speis und Trank amüsiert. Und was macht der Fettwanst? Er wacht im Morgengrauen auf mit schwerster Panikattake, Atemnot und Versagensangst. Angst, daß er mit seinem Sarkasmus und seiner Geltungssucht wieder einmal eine Schneise aus Zorn und Verletzungen hinterlassen hat. Dabei ist er sich gar nicht sicher ob und was. Es gab nur gute fröhliche Gespräche. Rührende Wiedersehen in einer Branche, welche sich selbst in den Untergang getrieben hat. Ja! Es lag etwas Morbides, ein „fin de siecle“ einer Gemeinschaft von vielen Gewinnern, vermutlich aber noch viel mehr Verlierern. Verluste an Geld und Gesundheit, Vermögen, vor allem dem Vermögen an Renommé. Es ist nicht Wenigen nicht egal wie der Ruf der Kapitalmarktteilnehmer gelitten hat. Das war in die Gesichter gemeiselt und Bäuche und Ärsche geschwemmt. 04:55 Uhr und der Strom im iphone geht zur Neige wie die Lebensfreude und die Energie des Schreibers. Mensch! Jetzt reiß Dich aber mal zusammen!! Dreh Dich noch mal um! Denk an was Schönes… Lucy, auch Dich habe ich weinend zurück… WAS SCHÖNES!!

Verfasst von: oxypelagius | 27. April 2012

Unnötig anstrengend

Der Schreiber schreibt nicht mehr. Es gibt keine Worte mehr. Ohnehin zeigt die Handvoll Leserschaft Desinteresse. Egal, das Schreiben war ohnehin nur Übung, Zucker für den Affen Eloquenz. Er, Schreiber, fällt wieder, schon wieder, in lähmende Schwermut. Alle um ihm rum gehen ihm gewaltig auf die Nerven. Ballast im Palast. Die Ausgaben für Güter und Dienstleistungen, welche nicht ein Jota zu seiner Lebensqualität beitragen steigen und steigen. Eine betrügerische Autoreparatur für “ Kundendienst“ in Höhe eines verfügbaren Berliner Arbeitergehaltes macht wütend. Ein Kongress seiner Branche in feinstem Ambiente wird trotz überwältigender Anzahl Deutschsprachiger komplett in Englisch abgehalten. Er kann folgen, auch an den Diskussionen teilnehmen. Es ist aber unnötig anstrengend. „Unnötig anstrengend“ könnte sein Lebensmotto sein. Die Gattin ist verzweifelt angestrengt freundlich zu ihm. Unnötig anstrengend. Diese verfluchte Schlaflosigkeit mündet in bleierner Müdigkeit über den Tag…Unnötig anstrengend.

Verfasst von: oxypelagius | 12. April 2012

Kotzen oder Scheissen

Dem Schreiber ist zum Kotzen ob dieser Scheiße. Sicher, scheißen ist der natürliche Weg den Körper von Schadstoffen und Unverdaulichem zu befreien. Kotzen heißt immer „bis hier her und nicht weiter, raus hier, zurück übern Eingang!“  Unter Würgen und Übelkeit wehrt sich die Physis vor absichtlich oder versehentlich oral verabreichten Giftstoffen. Alles was uns Menschen widerlich erscheint ist ein Warnsignal unserer Hardware. Mit der leckersten Bratwurst in der Hand, schmeckt diese nicht mehr, wenn wir Kotze riechen, sehen oder uns auch nur von ihr erzählt wird. “ Nicht in diesen Körper!“ kommt aus der Schaltzentrale unseres blumenkohlartigen Gebildes im Schädel, welches flux Ekelsignal schickt. Scheiße stinkt. Will sagen: “ Egal welchen Hunger Du hast, das isst Du nicht mehr!“ Eiter, ein Kadaver, für den Aasfresser manch Leckerbissen, stinkt uns Menschen. Die Geruchs- und Wahrnehmungserfahrung aus der Evolution lehrt uns: Nichts für Dich, das fault in Dir weiter. Leider hat die Psyche keine solchen Warnsignale. Menschen, welche freundlich zu uns sind, müssen uns noch lange nicht wohlgesonnen sein. Wir merken leider viel zu spät, wenn sie – analog zur physiologischen Warnung –  zum Kotzen wären. Sie stinken nicht. Sie säuseln.  Man müsste auf diese Zeitgenossen beiderlei Geschlechts scheißen. Ein jüngerer, ungemein ehrgeiziger immer freundlicher Kollege intrigiert auf das Fieseste kaum ist der Schreiber aus  Raum und Wirkungskreis. Bittere Enttäuschung keimt auf. Aber heißt sich ärgern nicht für die Untaten anderer büßen? Wut und Enttäuschung, Scham dies nicht schon früher durchschaut zu haben, schnürt ihm die Kehle zu. Dafür hat er das letzte Quartal fast täglich zehn Stunden im Büro verbracht! Darin hat er alle Hoffnung gesetzt. Vor allem, deswegen hat er Lucy immer wieder versetzt. Andererseits, ist es nicht fast natürlich, zumindest in der Tierwelt ist es so, daß im Rudel jüngere, unverbrauchtere Artgenossen permanent versuchen Alphatiere zu werden? ( Grrrr, ein saublödes Autokorrekturprogramm schreibt dauernd Asphaltiere…)Doch! Solche Drecksäcke sind evolutionär. Sind sie besser, werden sie den Schreiber, als eben nicht so gut, ablösen und aufs Altenteil schicken. Obsiegt des Schreibers Seniorität, ( saukomisch: jetzt schreibt das Autokorrekturprogramm:Senilität. Wie kann man das ausschalten?) Erfahrung, Empathie und Intelligenz, verschwindet der Heißsporn erst mal wieder im Glied. Der Schreiber überlegt Milde walten zu lassen, es nicht zu eskalieren,  und das kleine gierig unreife Arschloch selbst ins Messer laufen zu lassen. Wieso sich wegen so was aufregen und eine weitere Nacht in Depression zu verbringen? Nun ja, es ist nun Zwouhrsechsunddreißig und Schreiber geht es nach diesem Blogschreiben spürbar besser. Ist gut geworden.

Verfasst von: oxypelagius | 7. April 2012

Schwarmblödheit

Der Schreiber kommt aus dem Kichern nicht mehr raus. Da eröffnet in Berlin ein Rieseneinkaufszentrum. Noch eines. Eines von vielen. Es regnet und Schreiber und Gattin gehen nach Steglitz kucken, ist ja Urlaub. Vor einem Schuhdiscounter steht eine bestimmt 50 Meter lange Schlange vor einem Glückrad. Das übliche Layout auf der Pappscheibe ist bedruckt mit leeren Feldern, einem Segment mit 5% Rabatt, einem mit 8%, einem mit 10%, usw. bis 20% jeweils ein Leerfeld dazwischen. “ Die Sieger “ bekommen auf einem Kärtchen den jeweiligen Rabattbescheid in die Hand gedrückt und laufen glückselig ins Geschäft. Dort finden sie völlig normale Schuhe zu völlig normalen Preisen mit dem winzigen Hinweis “ Rabatte sind nicht kombinierbar“. Will sagen, es gibt heute keine Sonderpreise, ausser denen aus der  Scheiße, eee Scheibe. Die Schlange vor den Kassen ist annähernd so lange wie die vorm Glücksrad, welches zu drehen immerhin kostenlos ist. Liebe Leser, das Volk will beschissen sein. “ Erinnerst Du Dich an die “ Grüne Woche“?, fragt der Schreiber seine Gattin, “ dort haben die Dreherlaubnis am Glücksrad für einen Euro verkauft. Jedes dritte Los gewann ein Matjesbrötchen. Die Leute kauften oft fünfmaldrehen und bekamen meist ein Brötchen, welches in der Auslage 1,90€ kostete.“ Es lassen sich viele viele solche Methoden zur Nutzung der Schwarmblödheit nennen. Noch ein besonders schönes Beispiel? Tag der offenen Tür auf einem Flugplatz. Ein Schild steht vor einem Kleinflugzeug: “ Nur heute! Rundflüge 15 min 20,-€!“ Dieses Sonderangebot wollen sich viele nicht entgehen lassen. Der Herr Pilot hat viel zu tun, die Kasse füllt sich wohltuend. Es kommt auf das “ nur heute“ an. Sonst nimmt der stolze Flugzeugeigner schon mal die 20,-€ für 30 Minuten. Es geht aber in allen Lebensbereichen so und niemand ist davon gefeit Teil der Schwarmblödheit zu sein. Es wird nichts mehr hinterfragt, offiziell Vorgetragenes wird meist als bare Münze genommen, damit bare Münze verdient werden kann. Die Bahn bewirbt massiv die bahncard ( klein und in englisch das ist progressiv) – und wie das Glückrad. Der Schreiber hat dienstlich so ein Kärtchen. Er hat es – zumindest privat – noch nie in Anrechnung bringen können, denn die Sonderangebote der Bahn, entsprechend gebucht, sind weit weit billiger und können mit der bahncard nicht verrechnet werden.

Verfasst von: oxypelagius | 3. April 2012

Hedon epikuriert

Der Schreiber durchwacht wieder eine halbe Nacht. Wieder einmal. Ein wirrer Traum geht der Rast- und Schlaflosigkeit vorraus. Die Gattin mault im echten Leben  seit Jahren ins Fernsehprogramm “ Das sieht man von hier aus viel besser! Es ist nicht heiß. Es ist nicht kalt. Die Viecher können uns nicht gefährlich werden, keine Mücken! Da möchte ich Dich erleben, wie Du mit Deinem Wanst die Berge hochkeuchst.“ Gemeint sind die Tier- und Landschaftsfilme, welcher der Schreiber längst fast jedem Spielfilm vorzieht. Zähneknirschend schweigt er dazu. Wie dämlich ist das denn? ERLEBEN heißt mit allen Sinnen fühlen, schmecken, riechen, hören… Achwas. Das Leben bietet immer weniger die Chance das alles zu erleben. Und die Trulla sondert so einen Müll ab. Naheliegend, zu Ihren Gunsten angenommen, ist reine Provokation. Welch schönes Heim sie doch geschaffen hat. Es hat alles was ein Haus zu bieten hat incl. die Regelmäßigkeit des Rasenmähens und der Kaffeetafel. Eigener Herd ist Goldes wert, auch wenn er bis zum Alterssiechtum Frondienste abverlangt. Zurück zum Traum: Ein wunderschöner Tropenstrand, exklusiv gebucht für die Ehegatten Schreiber. Die Gemahlin liegt im Evaskostüm im schneeweißen Sand. Der Gemahl beugt sich über sie, öffnet ihre Schenkel. Es ist alles voller Sand. Sie lacht. Alles voller Sand. “ Du reibst Dich wund! Bleib weg!“ Da spürt Schreiber eine weiche warme Hand auf seiner Schulter, dreht sich um und blickt in Lucy´s hellblaue Augen. Sie flüstert ernst: “ Lass sie in Ruhe! Sie mag den warmen Sand dort wo er ist…..“ Schreiber wacht schweißgebadet mit Rückenschmerzen und hämmernden Kopfschmerzen auf. Er wird nur noch tun was er will, so weit er irgendwie kann. Der letzte Halbsatz macht depressiv.

Verfasst von: oxypelagius | 29. März 2012

Zerstreuung zerstreut

Der Schreiber genießt seinen Urlaub. “ O Mist, habe die Parkscheibe vergeseen! Drei Stunden parken frei mit Scheibe.“, erkennt die Gattin in der Altstadt. Der Schreiber dackelt los, den Kopf voller Ideen aus der Arbeit des Vortages. Plötzlich, nach vielen Jahren das erste Mal wieder, hat er das Gefühl, daß während seines Urlaubs am Arbeitsplatz Dinge ablaufen die er nicht beeinflussen kann. Schluss jetzt, Urlaub bis nach Ostern!     “ Was willst Du hier mit der Parkscheibe!“ lacht der Sohn fast vulgär laut. Der Schreiber hat die Parkscheibe vom Auto mitgebracht, anstatt diese einzustellen und hinter die Windschutzscheibe zu legen. Hö Hö Hö ist das lustig. Er latscht los und bringt die Pappscheibe wieder ins Auto, legt sie mit Ankunftszeit ordnungsgemäß sichtbar aufs Amaturenbrett. “ Dein Vater ist schon seit jeher so zerstreut! Er saß vor vielen Jahren in der Münchner Trambahn hatte eine überquellende Tüte mit Müll dabei. Er musste sie mit beiden Händen halten, grübelte. Erst als die anderen Fahrgäste glotzen, weil ein voller Kaffeefilter und Gurkenschalen aus der Tüte lugten wurder er gewahr, daß er das Pausenbrot in den Müll geworfen und den Müll mitgenommen hat.“ Dieses Weib hat den uralten Schmarren nicht vergessen und erzählt das dem Kind! Es ist Urlaub. Ruhig bleiben, gute Miene zum blöden Spiel. Sich ärgern heißt für die Sünden anderer büßen. Mit diesen Sinnsprüchen versucht er seinen Zorn zu unterdrücken.  Wie gerne wäre er jetzt bei Lucy. Andererseits, die meckert auch nur wieder rum. Allein sein ist schön, nur Einsamkeit ist grausam. So rollt er tags drauf ganz gemütlich mit dem Auto zu einer Vortragsveranstaltung seines Arbeitgebers. Sehr kompakt, sehr lange, zehn Referenten im dreißig Minuten Takt. Aber interessant, sehr interessant sogar. Wenn nur dieser Rücken nicht schmerzen würde. Irgendwie drückt ihm ab Nachmittag jemand eine Zigarette zwischen den Schulterblättern aus. Gegen Abend noch ein sehr ambitioniertes edles Buffet. Aber die meisten Teilnehmer sind abgereist und so stehen Unmengen edelster finger-food-Delikatessen rum. “ Packt Euch doch was ein! Das ist ewig schade.“ fordert er die Dagebliebenen auf, “ das ist alles bezahlt und wird weggeworfen!“ Da macht ihn schüchtern die Dame vom Catering darauf aufmerksam, daß Büffetreste nicht weggeben werden dürfen, aus seuchenhygienischen Gründen! Das sei verboten. Es müsse alles weggeworfen werden.Der Schreiber schüttelt stumm und verständnislos den Raum setzt sich ins Auto. Muss sich denn immer nur noch ärgern?

Verfasst von: oxypelagius | 25. März 2012

Aufhören, Zusehen, Mitfühlen

Der Schreiber ist traurig. Ein bittersüßer Samstag ist zu Ende gegangen mit der Erkenntnis man sollte eigentlich Aufhören mit jeder Art von Tätigkeit, solange man in eben dieser Tätigkeit gut ist. Die Saisoneröffnung im Segelflug brachte ihn zu diesem Schluß, welcher jedoch noch nicht zum Entschluss reift. Ein Flugzeugmuster, welches unser Flugschreiber als immer bequem empfand, war in diesem Erststart des Jahres plötzlich unbequem eng. Die wenigen sechs Minuten verbrachte er in dem eleganten Vogel weniger in der Suche nach Aufwand, sondern mehr um es sich in dem Cockpit bequem zu machen, die Instrumente und Hebel richtig und sicher zu bedienen. Es war kein unsicherer Flug im Sinne einer etwaigen Unfallgefahr, es war ein Flug im Unbequemen. Ausserdem spürt Schreiber mehr und mehr, daß bestimmt Körperbewegungen in Anspannung und Verspannung veritable Schmerzen auslösen. So versuchte er im angeschnallten Zustand am Boden sein Iphone aus der Hosentasche zu pulen. Diese Verrenkungen dauerten eine gefühlte Ewigkeit und führten zu schmerzhaften Verspannungen für Stunden. Ein Adrenalinstoß des Zornes wegen seiner Alterstollpatschigkeit durchflutet ihn, als er bei der – an sich perfekten – Landung in eine kleine Kuhle ausrollte, nicht die Bremse sofort löste und er mit der Rumpfnase leicht den Boden berührte. Wie das aus der Entfernung vom Startplatz aus aussieht! Scheiße. Der Ausstieg nach der Landung fand zum Glück ohne Zeugen statt, der Abholer war noch nicht da. Peinlich, peinlich, wie mühevoll sich der alte Fettsack von Flugzeug und Fallschirm befreite. Es geht ja auch weiter. Wie oft hat der Schreiber das Gefühl schlecht zu hören?  “ Du hörst doch ausgezeichnet!“ erwidert seine Gattin auf die Feststellung. Gibt es eine gefühlte Schwerhörigkeit?  Bis zum Jahre 2004 hatte der Verfasser dieser Zeilen keinerlei körperlicher Gebrechen. Da begann es mit einem Muskelfaserriss, danach war jedes Jahr etwas anderes, mit der Zipfel-Gipfel einer Prostasektomie in 2007. Noch aber gibt es Lichtblicke. Er freut sich besoffen, wenn Lucy sich meldet, er würde ihr fehlen. Andererseits: Merkt dieses Weib denn gar nicht, an welches Wrack sie seine Zuneigung verschwendet?  Die Fahrt vom Flugplatz nach Hause letzte Nacht durch das Dunkle war in jeder Hinsicht finster…..

Verfasst von: oxypelagius | 18. März 2012

Betriebsblindenschriften

Der Schreiber erinnert sich. Es war im Frühjahr 2008 bei einem Segelfliegercamp in Tschechien. Perfektes Wetter, perfekte Stimmung. Man war eins mit der Natur, sich selbst genug. Etwa zwanzig Männer, welche im Berufs- und Familienleben so gut wie gar nichts gemein hatten. Saturierter Wohlstand allenthalben, den wesentlich ärmeren Tschechen subtil ohne offene Prahlerei diesen spüren lassen. “ Also unsere Kabeltrommel hat einen modernen Schutzschalter, da fackelt von uns aus nichts ab bei Euch.“ Doch der Schreiber wird aus den eigenen Reihen perplex erstaunt. Der pensionierte Arzt, anstrengend beckmesserisch, fragte ihn, Schreiber als Wirtschaftsexperten innerhalb der Gruppe, wieso der Staat dazu käme überhaupt Schulden zu machen? Wer ihm das erlauben würde? Schreiber erklärte ihm behutsam die Volkswirtschaftliche Grundregel, wonach alles wirtschaften nach Konsum und Konsumverzicht getaktet sei. Will jemand über sein aktuelles Recht auf Güterzugriff ( vulgo Guthaben) hinaus konsumieren, muss er seine Arbietskraft in die Zukunft verpfänden ( vulgo Kredit aufnehmen). Diese Verpfändung nimmt er – über die Drehscheibe Bank – bei den Mitmenschen vor, welche momentan auf Konsum verzichten, um ihn später vermehrt zu genießen. Dies macht aber nicht nur der einzelne Bürger, sondern auch die Gemeinschaft von Bürgern, welche sich vom “ Schwarrm “ reicher Zeitgenossen diesen Konsumverzicht gegen guten Zins „erbittet“. Dies kann durchaus Sinn machen, nämlich wenn die Beschäftigungslage es gebietet anstehende Investitionen der Zukunft schon jetzt in die Gegenwart zu holen. Damit kann allgemein Lebensqualität, Infrastruktur und Einkommen einer breiteren Schicht kurzfristig verbessert werden. Diese Modellgedanken von Adam Smith, John Maynard Keynes auch Karl Marx, sind gar nicht so leicht bei einem Bier zu erläutern. Die Für und Wider sind Bestandteil des volkswirtschaftlichen Disputes seit Generationen. Diese kleine Urlaubsepisode läßt den Schreiber nicht mehr los und er recherchiert weit über seine beruflichen Anforderungen hinaus, erlangt Kenntnisse und zieht Schlüsse daraus, die einen Irrtum erhoffen: Die Reichen werden mit rasender Geschwindigkeit immer reicher. In der deutschen Bevölkerung besitzen 10% der Reichsten mittlerweile knapp 65% allen Vermögens. ( siehe DIW Bericht 2009), binnen zwanzig Jahren ist dieser Anteil um schlappe 20% gestiegen. Im globalen Maßstab sieht es weit schlimmer aus, 10% der Weltbevölkerung „teilen“ sich 85% des globalen Vermögens. Alle Pseudo-Experten schreien:“Stoppt die Staatsverschuldung! Es ist Diebstahl an unseren Kindern!“ Das stimmt schon, nur wenn es Schulden gibt muss es auch Gläubiger geben. Muss denn dann im Umkehrschluss nicht auch heißen“ Wir können uns diese irrsinnigen Vermögen nicht mehr leisten!“ ? Heute würde er dem Segelfliegerfreund sagen: “ Ohne Staatsverschuldung gäbe es keine Reichen!“

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